Lebensgenuss und der Tod

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Was geschieht mit uns nach dem Tod? Dieser Frage stellt sich jeder Mensch irgendwann im Laufe seines Lebens. Erwartet uns ein ewiges Leben bei Gott? Oder ist mit dem Tod einfach alles vorbei? Erlösung oder Auslöschung?  

Geniesse das Leben

Der Philosoph Epikur (ca. 340-270 v. Chr.) sieht im Tod das Ende der Existenz. Und gerade in diesem Ende erblickt er die Erlösung: «Ferner gewöhne dich an den Gedanken, dass der Tod für uns ein Nichts ist. Beruht doch alles Gute und alles Üble nur auf der Empfindung, der Tod aber ist Aufhebung der Empfindung. Darum macht die Erkenntnis, dass der Tod ein Nichts ist, uns das vergängliche Leben erst köstlich» (Epikur, Brief an Menoikeus).

Alles Gute und Schlechte im Leben basiert, so Epikur, auf Empfindung. Ich würde ergänzen und auf Bewertung. Ob wir unser Leben als gelungen oder misslungen erfahren, hängt davon ab, welche Bedeutung wir unserem Erleben beimessen: Der eine empfindet sein Leben als unbefriedigend, weil er lediglich über ein geringes Einkommen verfügt. Ein anderer könnte sich trotz geringen Einkommens kein schöneres Leben vorstellen, bieten ihm die geregelten Arbeitszeiten doch genügend Zeit, um sich um seine Kinder zu kümmern oder die freie Zeit mit Freunden zu geniessen.

Ganz ähnlich sieht das übrigens auch ein biblischer Autor: «Denn die Lebenden wissen, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen nichts; sie haben auch keinen Lohn mehr, denn ihr Andenken ist vergessen. Ihr Lieben und ihr Hassen und ihr Eifern ist längst dahin; für immer haben sie keinen Teil mehr an allem, was unter der Sonne geschieht. So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut; denn dein Tun hat Gott schon längst gefallen. Lass deine Kleider immer weiß sein und lass deinem Haupte Salbe nicht mangeln. Genieße das Leben mit der Frau, die du lieb hast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne» (Kohelet 9,5-9; 3. Jh. v. Chr.).

Gerade unsere Sterblichkeit verleiht dem Leben seine Qualität: Denn unsere Zeit ist begrenzt und daher wertvoll. So raten uns sowohl der eher religionskritisch veranlagte Philosoph als auch der Theologe dazu, das Beste aus unserem Leben zu machen und die uns geschenkten Tage zu geniessen. Denn, wenn unsere Zeit abgelaufen ist, haben wir keinen Teil mehr an den Freuden des Lebens. Mit dem Tod endet die Empfindung, auch des Schönen. Nach dem Tod kommt nichts mehr und darum geht er uns nichts an.

Die Bedeutung des Todes für das eigene Leben

Gehen wir einmal davon aus, dass Epikur und Kohelet recht haben: Das Entscheidende ist der Genuss des Lebens und der eigene Tod ist letzten Endes bedeutungslos. So stossen wir doch zumindest dort an die Grenze der Bedeutungslosigkeit des Todes, wo uns der Tod eines uns nahestehenden Menschen den Genuss des Lebens schmälert.

Denn die meisten Menschen trauern nicht, da sie sich um den Verstorbenen sorgen, sondern weil eine wichtige Bezugsperson von ihnen gehen musste. Das eigene Leben ist ein Stück ärmer geworden. Es fällt schwerer, sich am Leben zu freuen, da eine Quelle der Freude versiegt ist.

Die Relevanz des Todes betrifft folglich nicht den, der aus dem Leben gerissen wurde, sondern diejenigen, die mit dem Verlust umzugehen lernen und leben müssen.

Ein Leben nach dem Tod?

Wer einen lieben Menschen verliert, steht vor der schwierigen Aufgabe, den Verlust einzuordnen, mit diesem zu leben und diesem im Idealfall Sinn zuzuschreiben, um so trotz aller Trauer weiter am Leben partizipieren zu können. Es geht darum, zu eruieren, was vom Verstorbenen in uns überdauert. Was hat er uns mitgegeben, von dem wir heute noch zehren. Inwiefern hat sein Leben dazu beigetragen, dass wir unser Leben auch nach dem Verlust als sinnvoll und beglückend erleben? Denn, wie Novalis schreibt, «wir leben alle von dem, was uns Menschen in bedeutungsvollen Stunden unseres Lebens gegeben haben.» Nur die dankbare Erinnerung an die Menschen, die unser Leben bereichert haben, macht das Leben lebenswert. So lebt ein Teil derer, die von uns gegangen sind, in uns weiter. Ob die Verstorbenen auch in der Ewigkeit weiterleben, ist eine Frage, die jeder Trauernde selbst beantworten muss.

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