Das Unbegreifliche in Worte fassen

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Der Tod eines Angehörigen wirft bei den Hinterbliebenen Fragen auf. Wie soll es nun ohne ihn/ sie weitergehen? Wer übernimmt seine/ ihre Funktion in der Familie?

Und nicht zuletzt erinnert uns der Tod eines geliebten Menschen auch immer an unsere eigene Endlichkeit. Eines Tages werden wir dem Verstorbenen nachfolgen. Und da stellt sich die nächste Frage: Nachfolgen in eine verheissungsvolle Zukunft oder nachsterben in das Nichts?

Wie gehen freie Redner und Pfarrer mit den Fragen der Hinterbliebenen um? Welche Deutungen des Todes stellen sie zur Verfügung? Inwiefern spenden sie den Angehörigen Trost?

Ein geistiges Bild entstehen lassen

Freie Redner und Pfarrer verbindet das Interesse am Verstorbenen und seinem Leben. Dieses individuelle Leben gilt es zu würdigen. Der Verstorbene soll der Trauergemeinde als einmalige, unverwechselbare Person in Erinnerung bleiben. Vor den Augen der Trauernden ein Bild entstehen zu lassen, ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben des Predigers bzw. Redners. So wird die Rede zu einer unverwechselbaren, persönlichen Ansprache. Durch das Erzählen persönlicher Erlebnisse mit dem/ der Verstorbenen bleibt er/ sie in der Erinnerung der Hinterbliebenen lebendig: «So umsorgte und päppelte sie noch so jeden kleinen Vogel, der aus dem Nest gefallen war, nach Möglichkeit wieder liebevoll umsorgend auf, und selbst ihr erstes Pony mit Namen ULF, stand eines Tages wohlbehütet im Wohnzimmer und hat ungeniert auf den Boden <geäppelt>» (Antje Stiemerling). Solch unverwechselbaren Momente sind es, die Familie und Freunde für immer im Gedächtnis behalten werden. Auch wenn sie bei der erzählten Anekdote selbst nicht dabei waren, werden sie diese mit eigenen Erinnerungen kombinieren und so zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Biographische Brüche

Immer wieder stehen Pfarrer und Trauerredner vor der schwierigen Aufgabe, eine Biographie angemessen darzustellen. Die meisten Lebensgeschichten zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie Gräben, Brüche oder Ungereimtheiten aufweisen. Diese gilt es angemessen und wertschätzend in die Ansprache zu integrieren. Selbstverständlich darf nur das benannt werden, was seelsorgerlich vor den Angehörigen zu verantworten ist. 

So entsteht nach reiflicher Planung ein Bild, das dem Leben des/ der Verstorbenen gerecht wird, indem es auch Spannungen und Eigentümlichkeiten nicht verschweigt, sondern auf freundliche und manchmal auch humoristische Art zur Darstellung bringt: So bringt Michaela Burch den in dieser Beziehung sicher nicht einfachen Charakter der Verstorbenen deutlich zum Vorschein und berichtet zugleich, inwiefern die Familie mit diesem Charakterzug umzugehen vermochte: «Ja, verbittert war sie in vielen Dingen. Und in ihrer eigenen kleinen Welt, die ihr so wenig Platz zum Austoben geboten hatte. Verallgemeinernd war sie und wenn die Enkelinnen bei ihr waren, dann krachte es durchaus mal wegen den Ansichten der Oma. Die Enkelinnen konnten aber auch immer schimpfen mit Eva. Zu ihnen war sie auch nie nachtragend» (Michaela Burch).
Allein durch die Nennung Schwieriger Seiten entsteht ein Bild, das die Trauergemeinde getrost annehmen kann. Denn die Anwesenden sind mit dem/ der Verstorbenen vertraut. Sie erwarten eine ehrliche Würdigung des Lebens und keine Verklärung.

Was von aussen betrachtet als Scheitern erlebt wird, wird durch Verknüpfung mit gelungenen Lebensanteilen ernstgenommen und in die Gesamtbiographie integriert. So kommt zum Ausdruck: Leben besteht aus Beidem: Licht und Schatten, Gelungenem und Misslungenem, Schönem und Traurigem. Keinem Menschen gelingt es, all seine Potentiale auszuschöpfen. Und doch scheitert keine Existenz daran, dass nicht alle Chancen genutzt wurden: «Doch trotz seiner sprachlichen Begabung und seines großen Interesses gelang es ihrem Bruder leider nicht, sein Studium zu einem Abschluss zu bringen. Eine depressive Phase zwang ihn, sein Studium an der Universität abzubrechen. Von da an führte er ein noch stärker zurückgezogenes Leben als zuvor… Doch trotz seines zurückgezogenen Lebensstils war sich ihr Bruder seiner familiären Verantwortung bewusst. N.N. hat sich im Jahr 2002 rührend um seine krebskranke Mutter gekümmert» (Daniel Kiefer).

Was am Ende bleibt: Eine säkulare Antwort

«Das schönste Denkmal, das ein Mensch bekommen kann, steht in den Herzen seiner Mitmenschen» mit diesem Zitat Albert Schweitzers lässt sich der Trost, den säkulare Trauerredner vermitteln, treffend zusammenfassen. Mit den Worten von Michaela Burch: «Denken Sie dran, der Tod kann uns von dem Menschen trennen, der zu uns gehörte, aber er kann uns nicht das nehmen, was uns mit ihm verbindet.» All das, was wir mit einem geliebten Menschen erlebt haben, ist fest in unsere Erinnerung eingebrannt. In unseren Gedanken lebt der/ die Verstorbene weiter. Selbst über den Tod hinaus bleiben wir mit ihm/ ihr verbunden.

Die theologische Antwort

Die theologische Antwort nimmt die Frage nach den Brüchen der Biographie auf: «N.N., der auch ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden hatte und der seinen Weg konsequent ging, mag wohl auch an Extrem- und Wendepunkten seines Lebens – genauso wie auch der Psalmbeter (Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen (Ps 37,5) – immer wieder an den Punkt gekommen sein, an dem ihm bewusst wurde, dass auch er seinen Weg letztendlich nicht selbst bestimmen kann. Vielleicht hat er nicht darüber geredet. Vieles konnte er selbst meistern und selbst bestimmen. Aber in den dunklen Tälern seines Lebens war es ein anderer, der ihn an seine Hand nahm und den Weg mit ihm ging“ (Pfr. Martin Gross). Aus theologischer Sicht tröstet uns die Hoffnung, dass der Gott, der den Verstorbenen ins Leben gerufen und ihn in allen hoffnungs- wie sorgenvollen Stunden seines Lebens begleitet hat, ihm auch über den Tod hinaus die Treue hält. „Weil wir wissen dürfen, dass Gott für uns einsteht und uns durch unser Leben begleitet, dürfen wir vertrauensvoll durch das Leben gehen. Es ist nicht so, dass uns nicht hin und wieder ein Unwetter überrascht. Es ist nicht so, dass bei uns Christen immer alles eitel Sonnenschein wäre. Aber wir dürfen wissen: Gerade in den Krisen, den Unwettern unseres Lebens ist Gott da“ (Daniel Kiefer). Und am Ende führt er uns, so die christliche Hoffnung, durch alle Unwetter hindurch in seine neue Welt.

Die Hoffnung der Hinterbliebenen

Besonders Pfarrer stehen immer wieder vor der Herausforderung, den christlich-kirchlichen Glauben, der in persönlicher Prägung auch ihre Hoffnung darstellt, mit den (Jenseits)Vorstellungen der Hinterbliebenen konstruktiv ins Gespräch zu bringen. Denn am Ende zählt das, wovon die Trauerfamilie überzeugt ist. Ihre Hoffnung muss in der Traueransprache Thema sein, an ihr haben sich Pfarrer und freier Redner zu orientieren. Sehr behutsam und bedacht nimmt Trauerrednerin Antje Stiemerling im Trauergespräch geäusserte Vorstellungen auf: „Ja dieses sinnliche Lied „Over the rainbow“, erzählt von Träumen, Hoffnungen und wünschen, die irdischen Lasten einfach mit dem Tode weg zu streifen… fällt spontan ein Satz oder auch: <die Seele lebt weiter.>  Der Glaube, dass auch der Intellekt mit der Seele einhergeht wird zum Gegenstand des Gesprächs, und es ist zumindest ein tröstlicher Gedanke.“

Egal ob Pfarrer oder säkularer Trauerredner, am Ende verbindet beide Berufsgruppen das Ziel, Menschen, beim Verarbeiten eines schweren Verlusts zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen das vor ihnen liegende Leben, das um eine bedeutende Person ärmer geworden ist, zu gestalten und in veränderter Form weiter zu geniessen.

Vielen Dank an:
Pfr. Martin Gross (evangelischer Pfarrer in Lambrecht, Pfalz)

Michaela Burch, freie Rednerin (www.diegrabrednerin.com; 85402 Kranzberg)

Antje Stiemerling, freie Rednerin (www. https://antjestiemerling.de/trauerfeier-abschied/; 74193 Schwaigern)

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